„Sie trifft den Nerv der Zeit“ Die Presse über Yto Barrada im Deutsche Guggenheim
Mit "Riffs" hat Yto Barrada als "Künstlerin des Jahres" der Deutschen Bank ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland realisiert. Die Schau im Deutsche Guggenheim präsentiert Fotografien, Filme, Installationen und Skulpturen, die sich mit der Situation in Barradas marokkanischer Heimatstadt Tanger auseinander setzen. Für die Presse steht eines fest: Die aktuellen Umbrüche in den nordafrikanischen und arabischen Ländern verleihen der Ausstellung ihre besondere Aktualität.
"Keine Frage, Barradas Metier ist die politische Ikonografie, das Engagement für die Unterdrückten und Armen in ihrem Land. Sie ist eine klassische Verkörperung der kulturellen Opposition, die auch in Tunesien und Ägypten eine Rolle gespielt hat," bemerkt Carsten Probst in seinem Feature für Deutschlandradio Kultur. "Ihre Ausstellung gibt einen beeindruckenden Einblick in eine kulturelle Szene, die den Europäern oft genug völlig unbekannt ist." Der Sender widmet der "Künstlerin des Jahres" 2011 der Deutschen Bank sogar einen zweiten Beitrag, in dem Barrada die aktuellen politischen Ereignisse kommentiert.
Birgit Sonna von der art betont vor allem den spezifischen Blick der Künstlerin: "Barrada ist nie im direkten Sinne dokumentarisch. (…) Sie klammert jeden Voyeurismus aus." Auch der Fernsehsender arte stellt die Ausstellung im Deutsche Guggenheim vor: "Die Fotografien von Yto Barrada verlangen ein genaues Hinsehen. Ihre Werke sind selten eindeutige politische Parteinahme. Sie interessiert mehrdeutiges." Fazit des Beitrags: "Auf jeden Fall ansehenswert". Auch der Berliner Sender rbb widmet sich der Schau: "Yto Barrada fotografiert ihre Heimat: Bilder eines Landes im Umbruch, Bilder voller Melancholie." Für Gabriela Walde von der Berliner Morgenpost kommt Barradas Wahl zur "Künstlerin des Jahres" der Deutschen Bank "nicht von ungefähr, sie trifft den Nerv der Zeit mit ihren Filmen, Fotografien und Skulpturen, die ihr Heimatland Marokko in den Fokus nehmen. Nach der Kenianerin Wangechi Mutu im letzten Jahr ist Barrada erneut eine Künstlerin, die sich mit aktuellen (politischen) Entwicklungen auseinandersetzt."
Im Tagesspiegel bemerkt Daniel Grinsted: "Die etwa sechzig Objekte im Deutschen Guggenheim bieten einen eindrucksvollen Querschnitt durch ihr Werk der letzten fünfzehn Jahre." Besonders beeindrucken ihn die Fotoarbeiten: "Die Künstlerin fängt ein Land im Umbruch ein, hält Ephemeres fest. (…) Es sind faszinierende Bilder, die auf unsentimentale Weise berühren." Sebastian Preuss von der Berliner Zeitung sieht dies ambivalenter: "Das Meiste wirkt irgendwie nebensächlich (…) Alles und nichts ist aus diesen Bildern herauszulesen. Das macht ihren Reiz aus, ist aber auch ihr Problem. (…) Es ist genau die Art von "kritischer" Kunst, wie sie der internationale Betrieb bevorzugt. Das heißt dann meist: Aura statt Klarheit, Assoziation statt Argumentation, Ästhetik statt Aufklärung." Ähnlich argumentiert Catrin Lorch in der Süddeutschen Zeitung: "Solche Motive möchte die Kunstwelt sehen: Fotografien, die wirken als blicke man hinter die grausamen Bilder der Nachrichtensendungen und Magazine."
In der taz beschäftigt sich Brigitte Werneburg zunächst einmal mit dem "erstaunlich wandlungsfähigen" Ausstellungsraum des Deutschen Guggenheim: "Mal ist er der zeit- und ortlose White Cube, in dessen entrückter Atmosphäre wenige, ausgesuchte Exponate ihren auratischen Auftritt haben. Dann ist er wieder, wie jetzt bei Yto Barrada, ein rechter Abenteuerspielplatz mit allerlei Emporen und Videohöhlen". An den Fotoarbeiten der Künstlerin schätzt sie gerade den Verzicht auf plakative Statements: "Yto Barradas Bilder, so könnte man sagen, argumentieren über Bande. Sie treffen den Sachverhalt, aber dabei visieren sie ihn nie direkt an. Sie lenken unseren Blick auf ein eher nebensächliches Detail, das sich dann als das entscheidende, verräterische entpuppt, das unseren Blick und unser Nachdenken auf das eigentliche Thema oder Problem stößt." Das sieht Silke Hohmann ähnlich: "Zur bloßen Illustrierung von Problemen", so die Monopol-Redakteurin, sei die Schau trotz "starkem tagespolitischen Hintergrundrauschen" nicht geeignet. "Als Fotografin meidet Barrada exotistische Zugriffe. Und so ist die Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten auch eine Herausforderung für den westeuropäischen Blick, die Bilder aus den Nachrichten und vorgefassten Botschaften zu vergessen." Ihr Fazit: "Als "Künstlerin des Jahres 2011" wurde mit dem Preis der Deutschen Bank also keine Repräsentantin des arabischen Raums ausgezeichnet, sondern eine intelligente Künstlerin auf der Höhe ihrer Zeit."
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