The World on Paper
Die Eröffnungsausstellung des PalaisPopulaire

Es ist die bislang umfangreichste Ausstellung aus der Sammlung Deutsche Bank. Mit rund 300 Highlights und Neuentdeckungen zeigt „The World on Paper“ welche Faszination dieses Medium auf Künstler seit der Nachkriegsmoderne ausübt. Zugleich macht die Ausstellung klar: Auch im digitalen Zeitalter eröffnet das Papier immer wieder neue Möglichkeiten.
In der Rotunde des PalaisPopulaire hat man das Gefühl, durch eine bewegte Zeichnung zu gehen. In ihrer Installation Moondiver II verschmilzt die Schweitzer Künstlerin Zilla Leutenegger Wandmalerei, Zeichnung und Videoprojektion. Das Treppenhaus gleicht dabei einer Animation, zu der Linien und ein kreisrunder Farbfleck ebenso gehören, wie die Besucher, die die Stufen emporsteigen. Leutenegger lässt einen Vollmond aufgehen. Allerdings ist der Himmelskörper nur eine Attrappe. Er hängt an einem an die Wand gezeichneten Baukran, der ihn mittels Projektion immer wieder in die Höhe zieht, wo er jedes Mal in einer neuen Farbe erstrahlt – wie ein Lampion bei einer nächtlichen Gartenparty. Moondiver II ist wunderbar melancholisch, romantisch und zugleich voller Komik. Das eigentlich Verblüffende an dieser Arbeit ist jedoch, dass Leutenegger den gesamten Raum wie ein leeres, weißes Blatt Papier behandelt, auf das eine kleine, absurde Geschichte gezeichnet wird, in der die Zuschauer, die Treppengeländer, jedes Detail, jede Bewegung mitspielen.

Fast unmerklich zieht uns Leutenegger in eine imaginäre Welt, in der etwas Alltägliches eine neue, poetische Bedeutung erhält. Ihre Arbeit bildet das Entrée für The World on Paper, eine Schau, die Arbeiten von 134 internationalen Künstlern aus der Sammlung Deutsche Bank präsentiert. Die Eröffnungsausstellung nimmt die Architektur des PalaisPopulaire auf und präsentiert auf drei Etagen drei thematische „Welten“, die sich mit zentralen Aspekten der Gegenwartskunst beschäftigen.

Den Auftakt bildet im Obergeschoss eine Sektion, die sich der Abstraktion auf Papier widmet. Hier trifft die konstruktivistische Nachkriegsmoderne, die farbigen Quadrate von Josef Albers oder Hermann Glöckners Mobile aus Zeitungspapier, auf Post-Minimal-Art von Bruce Nauman und Eva Hesse oder konzeptuelle Arbeiten von Hanne Darboven und Karin Sander. Sie alle verdeutlichen den experimentellen Charakter des Mediums Papier. Hier geht es um Raum, Fläche, Linie. Künstler wie die Amerikanerin Lauren Seiden oder der Chinese Yang Jiechang verleihen dem Papier eine dreidimensionale Struktur: das Papier, knittert und wellt sich, wölbt sich auf oder bildet Täler, wie eine abstrakte Landschaft, auf die man aus der Vogelperspektive blickt. Papier, das ist für Künstler-Musiker wie John Cage oder Gerhard Rühm aber ebenso für die Mitglieder der ZERO-Gruppe auch ein Mittel, um mit Zufall, Materialität und Komposition zu spielen. Zugleich wird mit Papierarbeiten von Markus Lüpertz oder der Abstrakten Expressionistin Joan Mitchell informelle, gestische Malerei als wichtige Strömung präsentiert. Daneben werden in dieser Sektion junge, globale Positionen vorgestellt, die das Erbe der Nachkriegsabstraktion und der Kunst der 1960er- und 1970er-Jahre unter neuen politischen und formalen Vorzeichen fortführen, unter anderem Waqas Khan, Haegue Yang oder Achraf Touloub. Aus der Ferne wirken die vibrierenden Linien auf den Zeichnungen des marokkanischen Künstlers wie ein undurchschaubares Gewirr. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich um hunderte ineinander verwobene Umrisse menschlicher Gestalten handelt. Die Oberfläche des Papiers gleicht, wie Touloub es formuliert, „einem Bildschirm, auf dem sich die fraktale Realität unserer total vernetzten Welt wiederholt.“ In seiner Arbeit bezieht sich Touloub dabei ebenso selbstverständlich auf die Jahrhunderte alte arabische Kunst der Kalligrafie wie auf aktuelle Netzwerktheorien.

Der Themenbereich im Erdgeschoss konzentriert sich auf das Selbstbild des Menschen, den künstlerischen Blick auf Körper, Identität, persönliche und kollektive Geschichte. Einen Schwerpunkt bildet hierbei ein in die Halle gebauter Raum, der den frühen Zeichnungen und Aquarellen von Joseph Beuys gewidmet ist. Bis in die 1960er-Jahre hielt er sie als Konvolut zusammen, das letzte Mal wurden sie vor 28 Jahren gemeinsam ausgestellt. Die Beuys-Arbeiten korrespondieren mit Werken, in denen sich Künstler mit dem eigenen Körper auseinandersetzen und dabei dem Papier eine geradezu körperliche Qualität verleihen – etwa den Tuschezeichnungen der japanischen Performancekünstlerin Atsuko Tanaka, die sie in den 1950er-Jahren zu ihrem Electric Dress machte. Oder einem Selbstporträt des indischen Malers Bhupen Khakhar, aus dessen Kopf ein ganzes Universum sich überlagernder Bilder von Menschen, Pflanzen und Tieren strömt. Ein weiterer Abschnitt der Sektion widmet sich der subjektiven, künstlerischen Sicht auf unsere kollektiven Erinnerungen. Sie zeigt, wie sich Geschichte in unser Gedächtnis aber auch unsere Körper einschreibt. Besonders deutlich wird das in der Arbeit von Evelyn Taocheng Wang. Ihre Arbeit erinnert an eine chinesische Handrolle – ein jahrtausendealtes Medium. Die Künstlerin nutzt dieses Format für ein völlig neues Konstrukt, in dem sich Anspielungen auf Geschichte, Literatur und ihre Autobiographie mischen. Außerdem finden sich hier auch Werke von Künstlerinnen wie Kara Walker, Ellen Gallagher oder Wangechi Mutu, die sich mit Rassismus, Sexismus und schwarzer Diaspora beschäftigen.  

Den Abschluss der Schau bildet die Sektion im Untergeschoss, die die künstlerische Auseinandersetzung mit urbanen Räumen untersucht und sich mit Technologien und neuen ökonomischen und symbolischen Funktionen von Bildern und Produkten auseinandersetzt. Dabei zieht die Ausstellung immer wieder Verbindungslinien zu anderen Medien wie Installation, Performance, Skulptur, Film, Theater, Literatur oder auch der Graphic Novel. So ist Doug Aitkens Ultraworld-Serie eine Art visuelles Mood-Board, anhand dessen der kanadische Künstler später seine multimedialen Arbeiten schuf. Diese collagierten Bilder sind dem Film ganz nah, erinnern an die Fassaden-Screens und Hologramme in Ridley Scotts Science Fiction-Klassiker Blade Runner, in dem Werbung und Entertainment haushoch auf die gesamte City von Los Angeles projiziert wird. Andere Werke, etwa von Larissa Fassler oder Charles LaBelle, kartografieren den urbanen Raum. Während die US-Künstlerin Andrea Zittel mit ihren Entwürfen für mobile Häuser den Pioniergeist des amerikanischen Westens mit den Visionen des Bauhauses verbindet, entwirft der Ägypter Basim Magdy in seinen psychedelischen, knallbunten Zeichnungen eine zukünftige, post-humane Welt.

Einen breiten Raum nimmt hier auch die Auseinandersetzung mit Medienbildern und Massenkultur ein. Das wird deutlich in den Werken von prominenten Künstlern wie Andy Warhol, Sigmar Polke, und James Rosenquist, aber auch in Arbeiten von Newcomern, zu denen etwa Karl Haendel oder Ciprian Mureșan gehören.

Für die Kunst nach 1945 zählt die Sammlung Deutsche Bank im Hinblick auf das Medium Papier zu den bedeutendsten Kollektionen weltweit. The World on Paper dokumentiert, wie durch die Fokussierung auf Arbeiten auf Papier eine sehr junge, experimentierfreudige Sammlung entstand. Die Schau bildet den Auftakt zu einer Ausstellungsreihe im PalaisPopulaire, die in den kommenden Jahren immer wieder neue Aspekte der Sammlung beleuchtet.

The World on Paper

PalaisPopulaire, Berlin
27.09.2018 –07.01.2019